I got a passion for fast-food /
its undeniable /
I like my food fried until /
Everything be the same shade/
Of gold and brown

Abdominal (feat. DJ Format)*

 

Zu Beginn des Ramadan, dem muslimischen Fastenmonat, geht es heute um etwas Fundamentales: Essen! Der allergrößte Teil der Bevölkerung in Lindi fastet seit dem 17. Mai von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, Kinder beginnen ab etwa sieben Jahren. Das heißt, dass sowohl nichts gegessen, als auch nichts getrunken werden darf. Vor allem Letzteres ist für uns bei hiesigen Temperaturen schlicht unvorstellbar. Auch die körperliche Arbeit, die die meisten Menschen tagein tagaus leisten (müssen) ist ja gleichbleibend (landwirtschaftliche Flächen bearbeiten, Wasser tragen, Wege zu Fuß zurücklegen, Wäsche mit der Hand Waschen, Haus-/Straßenbau ohne Maschinen u.v.m.), so dass wir uns wirklich fragen, wie die TansanierInnen ihre Leistungsfähigkeit aufrecht erhalten. Genau wie vor ziemlich genau einem Jahr, als wir im Mai 2017 zum ersten Mal in Lindi ankamen, werden viele der kleinen Straßenküchen also nun für vier Wochen erst nach 18:00 angefeuert und es gibt tagsüber kaum Essen auf der Straße.

Fragt man unsere Kinder, was sie aus Deutschland vermissen, so fallen, nach Verwandten und FreundInnen, eigentlich unmittelbar Begriffe aus der kulinarischen Ecke: Brezen, (Gouda)käse, Gelbwurst, Wienerle, Obstquark, Spinat, „richtiges Brot“, drei im Weckla… Nun soll es aber im Folgenden nicht darum gehen, was es hier NICHT gibt, sondern viel mehr darum, was seit einem Jahr alternativ auf unserem Speiseplan steht. Der Einfachheit halber sortiere ich nach Tageszeiten und versuche auch, einen kleinen Einblick in Essen und Essensgewohnheiten der lokalen Bevölkerung zu geben, soweit wir sie bislang mitbekommen haben:

Frühstück

Unser gewohntes Müslifrühstück haben wir uns mittlerweile erfolgreich zusammengebastelt: es gibt (oft) Haferflocken, Cornflakes und Weetabix zu kaufen, auf dem Markt Rosinen und tonnenweise Cashewnüsse. Dank Philipps regelmäßiger beruflicher Verpflichtungen in Dar es Salaam waren wir die letzten Wochen sogar mit einem fertig gemischten Müsli versorgt. Milch kann man kriegen, jedoch kostete der Liter (nicht bio) knapp 2 Euro (so viel wie ein halbes Huhn). Yoghurt gibt es aus Iringa; das liegt im bergigen Hochland ca. 1000 km nordwestlich von Lindi. Obst dazu ist aktuell, zum Ende der Regenzeit, kein Problem: Ananas, Mango, Papaya, Bananen, Wassermelonen, … gibt es in Hülle und Fülle. Das wird sich in der Trockenzeit wieder ändern.

Viele TansanierInnen in Lindi frühstücken nicht, bevor sie morgens das Haus verlassen.  Sie essen in Gesellschaft in einer der Straßenküchen – typischerweise Fleischsuppe mit Chapati oder Bohnen mit Chapati – einige Zeit nach Arbeitsbeginn (ganz grob gesagt zwischen 8:00 und 11:00). Die Kinder in Ronjas Schule bekommen gegen 10:00 eine Tasse Tee und ein Brötchen und auch unser Gärtner Hamisi und Mama Fatuma machen gegen 10:00 Pause mit Snack und Tee.

Fleischsuppe mit Chapatai (Köchin hinten)
Frühstücksküche

Mittagessen

Die Kinder und ich essen mittags, sobald Ronja aus der Schule kommt (gegen 12:30). Unsere Haushälterin Mama Fatuma kocht unter der Woche das Mittagessen und hat es mittlerweile absolut raus, was beliebt ist (Popcorn) und was eher nicht (Kochbananen). Das Angebot ist generell regional und saisonal bestimmt – die Nachfrage regelt ganz klar das Angebot. Wir essen mittags also unter anderem Ughali (eine Art Polenta aus Maismehl), Reis, Bohnen, Mchicha (eine Art Spinat), Mchuzi (Tomatensoße mit Kokosmilch und variierendem Gemüse), Chipsi Mayai (Pommes im Spiegelei – die Kinder lieben es!), Chapati, Nudeln, Tomatensalat und Fisch. Aktuell gibt es jede Menge leckere Kürbisse und das ganze Jahr über (bzw. gegen Ende der Trockenzeit eigentlich nur noch) Cassavawurzeln, die man sowohl frittiert als auch gekocht essen kann. Regelmäßig kommen mobile Fischverkäufer vorbei, bei denen wir frischen Fisch bekommen. Hühner kauft man lebendig, z.B. bei unseren Nachbarn. Generell wird eigentlich jedes Gericht mit Kokos gekocht. Das Kokosfleisch hierfür wird mit einem speziellen Gerät aus der Kokosnuss ausgekratzt – Mats sitzt gerne bei Mama Fatuma, wenn sie das macht, und klaut sich die Kokosraspeln.

Mats wartet auf seine Chance auf Kokosraspeln.
Mittagessen: Ughali na mchuzi (Ughali mit Soße)

Das Mittagessen hat für die TansanierInnen einen geringeren Stellenwert als für uns: viele Erwachsene essen den Tag über (nach dem späten warmen Frühstück zwischen 8 und 11) nichts mehr. In Ronja´s Schule gibt es um 13:00 für jeden einen Teller Reis mit Bohnen. Das aufwändigste Essen des Tages findet abends statt.

Abendessen

Bei uns auch „Abendbrot“… Um Körnerbrot zu vermissen, muss man nicht bis Tansania reisen – da reicht auch die Fahrt über die deutsche Grenze, eigentlich ziemlich egal in welche Richtung. Nun gibt es in Lindi durchaus Brot zu kaufen, dieses würde jedoch in Deutschland bestenfalls als helles Toast durchgehen. Wir haben also ziemlich schnell angefangen, selber Brot und Brötchen zu backen, was nach einer kleinen Annäherungsphase an den Gasherd mittlerweile auch super klappt. Was kommt aufs Brot drauf? Gesalzene Margarine gibt es in Hülle und Fülle, seit Anfang Mai sogar Butter! Derselbe indische Händler verkauft seit kurzem tatsächlich auch Käse – 1kg tiefgefrorenen Cheddar aus Neuseeland bekommt man für schlappe 28 Euro (entspricht 70.000 tansanischen Shilling; durchschnittliches Monatsgehalt eines ungelernten Arbeiters: 200.000 TSH). 1,8 kg Le Gruyere aus der Schweiz kann man in Dar es Salaam für 137 Euro kaufen – der Preis spiegelt ein Stück weit den Beschaffungsaufwand wider, was bei vielen Nahrungsmitteln in Deutschland meiner Meinung nach nicht gegeben ist. Zur Freude der Kinder schafft es Nutella (im flüssigen Zustand) bis nach Lindi (das bringt einen zum Nachdenken, wenn man bedenkt, was es alles nicht bis nach Lindi schafft), das haben wir allerdings nicht konstant im Haus.

Luxus-Käse (nur im Laden!)
Frisch aus dem Ofen

Für die TansanierInnen ist das Abendessen das aufwändigste Essen des Tages. Es gibt generell warme Speisen (sehr beliebt: Pilau, Gewürzreis mit u.a. Zimt und Kardamom) und die Tatsache, dass wir von „nur Brot“ abends satt werden führt regelmäßig zu Kopfschütteln – die ersten Monate fragte Mama Fatuma generell, was sie für abends kochen sollte, bevor sie nach Hause ging.

Mwajuma knetet Teig für Samosa.

Manche der tansanischen Familien, die wir bislang kennengelernt haben, essen nicht wie wir am Tisch, sondern sitzen zum essen auf dem Boden und essen von einer gemeinsamen Schale. Gegessen wird in diesem Fall nicht mit Besteck, sondern mit den Händen, was uns vor verschiedene Herausforderungen stellt. Zum einen ist das Essen natürlich heiß (Finger verbrennen beim Essen führt zu großer Erheiterung bei den Gastgebern), zum anderen geht unter Umständen das ein oder andere auf dem Weg zum Mund verloren, wenn man eigentlich Besteck gewöhnt ist. Mats kommt dieses Vorgehen allerdings sehr entgegen.

Street Food (oder auch „frittierte Kohlenhydrate zum mitnehmen“)

Zu unserer großen Freude gibt es (wenn nicht gerade Ramadan ist) eine Vielzahl von Möglichkeiten, unterwegs und unkompliziert günstiges Essen zu kaufen. Ein sehr typisches und an jeder Ecke erhältliches Essen ist „Mandazi“ (auch „Suaheli Brötchen“ oder „Ostafrikanischer Doughnut“) – ein frittiertes Gebäck, am ehesten zu beschreiben als Krapfen (oder „Berliner“) ohne Marmelade und Puderzucker. Ebenfalls in die frittierte Ecke gehören die Samosa, mit Gemüse und/oder Fleisch gefüllte Teigtaschen aus Indien. Auch Chipsi Mayai bekommt man an jeder Ecke – Pommes, die in speziellen kleinen Pfannen in Rührei eingebacken werden. Weiterhin kaufen wir regelmäßig Chapati, Fleischspieße und Chicken, um es mit nach Hause oder auf eine Autofahrt zu nehmen. Sehr praktisch bei längeren Autofahrten sind die Verkäufer mit Cashew Nüssen, die generell am Straßenrand auf Kundschaft warten. Beliebtes Street Food ist außerdem die Cassava Wurzel, im essbaren Zustand „Mihogu“ genannt. Sie wird in Sonnenblumenöl frittiert oder gekocht und mit Salz gegessen. Tansania steht laut Agrarstatistik der FAO von 2016 mit 5,5 t jährlich an Platz 11 der größten Cassavaproduzenten weltweit (im spanischsprachigen Lateinamerika spricht man von „Yuka“, im Ursprungsland der Pflanze Brasilien, Argentinien und Paraguay von „Mandioca“).

Chicken- und Spießegrill

Einkaufen (von der Hand in den Mund)

Gekocht wird so gut wie ausschließlich aus frischen Zutaten. Die Mehrheit der Häuser ist ohne zuverlässigen Stromanschluss und ohne Kühlschrank, so dass alles, was zum kochen benötigt wird, unmittelbar vorher eingekauft oder geerntet wird. Übrigbleibendes Essen aufzubewahren ist für hiesige Verhältnisse wirklich ungewöhnlich und geht in unserem Haus so richtig gut auch erst seitdem wir die leistungsstarke Solaranlage auf dem Dach reparieren lassen konnten, die seitdem übernimmt, wenn der staatliche Strom in ca. 50% der Zeit nicht da ist. Problem bei der Vorratshaltung ist – neben der fehlenden Kühlmöglichkeit – das Ungeziefer. Die Häuser sind an allen Ecken und Enden offen (keine Fensterscheiben, Türen generell offen, vielfach keine Zimmerdecken), so dass Mäuse und Ratten ein und aus gehen. Krabbeltiere (Ameisen etc.) sind eh an der Tagesordnung, so dass das Aufbewahren von Nahrungsmitteln zur Herausforderung wird. Einfacher ist daher: Was gekocht wird, wird im Vorfeld gekauft und anschließend gegessen. Fertiges Essen ist somit nicht konstant verfügbar (nach dem Motto Kühlschrank auf, Yoghurt raus) und etwas sehr Besonderes. Das merken wir vor allem an den Kindern, die zum spielen zu uns kommen und gerne zugreifen, wenn wir Obst oder Kekse auspacken. Ein Kollege von Philipp sagte kürzlich zu mir (nachdem ich eine Einladung zur Teepause dankend abgelehnt hatte): „Wir haben hier eine chronische Nahrungsmittelknappheit in Afrika – wenn es Essen gibt, dann essen wir es!“

 Wenn nicht selbst geerntet so werden die Nahrungsmittel auf dem Hauptmarkt im Stadtzentrum oder bei kleineren Obst- und Gemüseständen eingekauft. Zusätzlich gibt es verschieden große „Tante Emma Läden“, die von Spül- und Waschmittel über Zucker und Salz, Reis, Nudeln und Bohnen, Schuhputzzeug, Besen, Küchenutensilien und oftmals ein paar Bahnen Stoff alles führen, was man zum Leben braucht. Dazu kommen indische Händler, die vor allem indische Lebensmittel anbiete, denn bis Mitte der 60er Jahre lebten schätzungsweise 15.000 indisch stämmige Menschen in Lindi – heute sind es deutlich weniger, aber es gibt immer noch eine große indische Gemeinde sowie einen Hindutempel. Mitte April 2018 eröffnete ein Supermarkt einer überregionalen Kette in Lindi, der aktuell kontinuierlich seine Regale füllt. Die Produktpalette bleibt abzuwarten!

Im indischen Großhandel in Lindi
Preisverhandlungen mit dem Fischhändler

Dass Lebensmittel entweder selbst angebaut oder auf dem Mark für den jeweiligen Tagesbedarf gekauft werden hat den großen Vorteil, dass kaum Verpackungsmaterial anfällt. Dies passt wiederum zum aktuellen Müllmanagement in Lindi – alles, was nicht in irgendeiner Form weiterverwendet werden kann wird privat verbrannt. Die Zukunft dieses Themas bleibt abzuwarten – wenn sich parallel zum neuen Supermarkt und dem deutlich anderen Warenangebot (Windeln, Konservendosen, Sprühdeos, …) nicht auch die städtische Müllabfuhr entwickelt kann ich mir aktuell nicht vorstellen, wo die neuen Mengen und Sorten von Müll bleiben werden.

Orangeneinkauf

Und was wollen wir trinken?

Während der Regenzeit (Februar – Mai) gibt es kein Wasserproblem – Alle fangen das Regenwasser in mehr oder weniger professionellen Regenrinnensystem auf (je nach Finanzkraft gibt es Regenwasserreservoirs von bis zu 50.000 Liter) und füllen Tanks und Eimer damit. Auch wir haben einen 3.000 l Regenwasssertank am Haus nachgerüstet, der sich regelmäßig füllt. Das Wasser fließt dann per Pumpe in den Hochtank und von dort aus ins Haus.Nun neigt sich die Regenzeit aber dem Ende zu und spätestens im Juni ist sie dann ganz vorbei.  In der Trockenzeit holen die Menschen in Lindi ihr Wasser aus Brunnen, die es in der Stadt an vielen Ecken gibt. In den Bereichen, wo kein Grundwasser erreichbar ist (wie zum Beispiel in unserem Stadtteil Mitwero) müssen die Menschen für ihr Wasser sehr weit laufen, oder aber Wasser kaufen. Wir trinken sowohl das Regenwasser als auch gekauftes Wasser ausschließlich nach Durchlaufen durch unseren Keramikfilter; die Einheimischen trinken das Wasser auch ohne Vorbehandlung. Wenn auswärts gegessen wird gibt es in der Regel „Soda“, also Softdrinks wie Fantavariationen u.ä. Alkohol wird wenig konsumiert. Bier in Kästen gibt es an genau einer Stelle in der Stadt zu kaufen und die Staubschicht auf den Flaschen zeugt von eher längeren Lagerzeiten. Frische Fruchtsäfte gibt es für unseren Geschmack in Lindi zu selten, betrachtet man das vielfältige Obstangebot. Zu Hause machen wir regelmäßig Maracuja-, Orangen-, Ananas- und Mangosaft.

Neben Wasser, Bier und Fruchtsäften sind wir auf eine gewisse Menge an Koffein täglich angewiesen – die lokale Variante mit Instant-Kaffepulver machen wir nur in Notfällen mit. Wir führten mehrere Field-Researches durch und kuckten uns von Anfang an die System der verschiedenen anderen ausländischen Familien an, um richtigen Kaffee zu kochen. Mittlerweile haben wir einen optimalen Weg gefunden: 92°C heißes Wasser durch einen Edelstahlfilter mit leckerem Kaffeepulver aus Dar es Salaam. Keep it simple! Und der Kaffee schmeckt!

Hamisi presst Orangensaft
Käffchen?

Zusammenfassend finde ich, dass wir eine gute Mischung aus dem lokalen Angebot mit Altbekanntem gefunden haben. Vor allem in der ersten Zeit war es für die Kinder wichtig, bei all der neuen Umgebung mittags am Essenstisch nicht mit noch mehr extrem Neuem konfrontiert zu werden – mittlerweile essen sie Ughali mit den Händen wie die Profis, spielen Chapati rollen statt Pfannkuchen machen und freuen sich weiterhin über Pudding aus mitgebrachtem Puddingpulver. Und eins ist gewiss: in unseren zwei Wochen Deutschlandurlaub Anfang Juni werden wir so viele Eisbecher essen wie möglich – dem Eis in Lindi merkt man die ständigen Stromausfälle eindeutig zu sehr an…

(w)

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